Auf dem Rücken der Pferde geht es grausam zu
Springreiten, Dressur, Galopprennen, Vielseitigkeit oder Fünfkampf: Keine Disziplin im Reitsport hat tierschutzrechtlich eine weiße Weste. Dank dem Einsatz der Tierschutzorganisationen gab es in den letzten Jahren einige Verbesserungen. An vielen Stellen hat sich jedoch bis heute kaum etwas getan, andere Regeln wurden sogar auf Kosten der Tiere gelockert. Ein Überblick.
Im November 2025 hagelte es Kritik für eine Regeländerung im Springsport, die aus Sicht von Tierschützern einen deutlichen Rückschritt bedeutet. Bis Ende 2025 galt: Wenn ein Springpferd blutet, z. B. am Maul oder an den Flanken, durfte es – richtigerweise – nicht starten; war der Reiter zu diesem Zeitpunkt schon gestartet, wurde das Ergebnis annulliert.
Der Reitsportweltverband FEI hat diese Regel nun gelockert; seit Januar dürfen leicht blutende Pferde im Wettbewerb bleiben, wenn sie von tierärztlicher Seite grünes Licht erhalten. Bei einer festgestellten Verletzung erfolgt zunächst eine Verwarnung, bei Wiederholung innerhalb eines Jahres drohen Geldstrafen und Sperren. Als Ausnahmen gelten Verletzungen durch den missbräuchlichen Einsatz von Sporen oder Gerte – beides führt weiterhin sofort zur Disqualifikation.
Tierschutzorganisationen und die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) haben sich klar dagegen positioniert und fordern eine Nulltoleranz-Haltung, die das Wohl des Pferdes über den sportlichen Erfolg stelt. Blut, so FN-Präsident Martin Richenhaben in einer Mitteilung, habe im Pferdesport nichts zu suchen.
Unabhängig davon wird diese Disziplin seit vielen Jahren immer wieder von Unfällen sowie von tierschutzwidrigen Vorfällen und Trainingsmethoden erschüttert. Unter den Namen tauchen bekannte Top-Reiter wie Christian Ahlmann und Ludger Beerbaum auf. Christian Ahlmann, einer der bekanntesten Springreiter Deutschlands, fiel bei den Olympischen Spielen 2008 in Hongkong auf, nachdem sein Pferd Cöster positiv auf eine verbotene Substanz getestet wurde. Er wurde für acht Monate gesperrt und für zwei Jahre aus dem Nationalteam ausgeschlossen, seine Ergebnisse bei Olympia wurden nicht gewertet. Sein Fall brachte jedoch den Stein erst ins Rollen. Auch Ludger Beerbaum gab 2009 in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zu: „In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.“
Totilas und Valegro: Zwei Namen, die bis heute sowohl für das Schillern des Reitsports stehen als auch für dessen nicht selten tierschutzwidrige Methoden. Als Totilas im Jahr 2009 unter seinem niederländischen Reiter Edward Gal einen Erfolg nach dem anderen im Dressurviereck holte, war die Welt begeistert von dem bildschönen Rappen und seiner imposanten Vorderbeinarbeit.
Ab 2012 folgte der traurige Absturz: Profitgier führte dazu, dass Käufer sich um das Pferd rissen. Mit seinem neuen Besitzer Paul Schockemöhle und dem Reiter Matthias Alexander Rath lief es nicht. Pleiten und häufige Verletzungen waren die Folge – das Pferd konnte nicht mehr. Trotzdem wurde der niederländische Trainer Sjef Janssen engagiert, der wie kaum ein anderer für die umstrittene Rollkur steht. Aber auch diese führte nicht zurück zum Erfolg. Ab 2015 produzierte Totilas in der Zucht teure Nachkommen und ging nur wenige Jahre später an einer Kolik ein.
Valegro und seine britische Reiterin Charlotte Dujardin halten seit 2012 die Prozentrekorde in den drei schwersten Dressurprüfungen. An diese Leistungen kam Charlotte Dujardin mit keinem anderen Pferd heran. Stattdessen fiel auch sie mit brutalen Trainingsmethoden auf. Kurz vor Beginn der olympischen Sommerspiele 2024 in Paris tauchte ein damals vier Jahre altes Video auf, in dem Charlotte Dujardin ein Pferd im Training mehr als 20 Mal in einer Minute mit einer Peitsche schlägt. Ende des Jahres sperrte der Reitsportweltverband FEI die Reiterin daraufhin für ein Jahr.
Der Deutsche Tierschutzbund hat erneut die öffentlichen Statistiken des deutschen Galopprennsports für die letzten Jahre sowie die Rennberichte für das Jahr 2025 ausgewertet. Leider bestehen weiterhin erhebliche Tierschutzprobleme. „Die eingesetzten Pferde bei Galopprennen sind sehr jung, teilweise gerade mal zwei Jahre alt. Jockeys treiben die Tiere mithilfe der Peitsche zu Höchstleistungen an“, kritisiert Andrea Mihali, Referentin für Pferde beim Deutschen Tierschutzbund.
Die Zahl tierschutzrelevanter Zwischenfälle wie Peitscheneinsatz, Lahmheiten und Nasenbluten stieg 2025 im Vergleich zum Vorjahr prozentual an. Mehrere Jockeys wurden wegen Regelverstößen auffällig – teils dieselben wie in den Vorjahren. Nach Einschätzung des Deutschen Tierschutzbundes zeigen die bestehenden Sanktionen gegen unsachgemäßen oder exzessiven Peitscheneinsatz bislang keine nachhaltige Wirkung.
Strukturelle Probleme zeigen sich offenbar auch im Umgang mit Daten und Transparenz: „Jedes Jahr verschwinden Hunderte Pferde aus den Statistiken. Offizielle Angaben zu Todesfällen fehlen. Der Verband für Rennsport muss offenlegen, wo die Pferde bleiben und welche Risiken sie tragen“, so Mihali. Zwar verweist der Verband darauf, dass viele Tiere später in der Zucht oder als Reitpferde eingesetzt würden. Die Geschlechterverteilung von etwa 50:50 spricht jedoch dagegen, dass ein großer Teil tatsächlich in die Zucht geht, da viele Hengste kastriert werden und damit zuchtuntauglich sind. Ohne belastbare Daten bleibt daher unklar, was mit zahlreichen ehemaligen Rennpferden geschieht.
Auch die Haltungsbedingungen werden kritisch bewertet: Einjährige Nachwuchspferde verbringen häufig den Großteil des Tages in Einzelboxen statt in Gruppen auf der Weide. Dabei schreiben die „Leitlinien für den Tierschutz im Pferdesport“ eine Gruppenhaltung bis zu einem Alter von 30 Monaten vor.
Aufgrund des hohen Verletzungsrisikos steht die Sportart, die man hierzulande vor allem mit Ingrid Klimke und Michael Jung verbindet, seit Jahren in der Kritik. Die Geländeprüfung gilt vor allem aufgrund ihrer Sprünge als gefährlichste Disziplin überhaupt, immer wieder kommt es zu Todesfällen bei Pferden und Reitern - allein im Jahr 2023 wurden neun verzeichnet. 2025 stürzte das Pferd Chiquita bei der Deutschen Meisterschaft in Luhmühlen schwer und musste eingeschläfert werden. Tierschutzorganisationen fordern seit langem ein komplettes Verbot – bisher ohne Erfolg.
Bis vor wenigen Jahren wurde den Reitern beim Springreiten ein fremdes Pferd zugelost. Nachdem bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 die Reiterin Annika Schleu völlig überfordert und angefeuert von ihrer Trainerin Kim Raisner auf das ihr zugeloste Pferd Saint Boy einschlug und eintrat, war das Maß voll. Die verstörenden Szenen warfen die Frage auf, wie zeitgemäß der Einsatz von Pferden im Modernen Fünfkampf ist.
Der Deutsche Tierschutzbund erstattete Strafanzeige gegen Schleu und Raisner und forderte eine Neuausrichtung des Reglements, die beiden seien beileibe kein Einzelfall. Zahlreiche Verbände, u. a. die FN, schlossen sich der Forderung an. Der Tierschutz konnte sich hier durchsetzen: Reiten wurde vom FEI als Disziplin beim Modernen Fünfkampf gestrichen, allerdings erst nach den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Neue Disziplin ist der Hindernisparcours (Obstacle), die ab den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles gilt.