Tiertransporte: Leid in Endlosschleife
Ende 2024, an der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei: Im Zollbereich werden zwei LKW festgehalten, vollgepfercht mit 69 trächtigen Kühen aus Deutschland. In den deutschen Dokumenten liegt offenbar ein Fehler vor, wochenlang hängen Fahrer und Rinder fest. Die Tiere stehen immer tiefer in ihren Exkrementen, erhalten kaum Futter und Wasser – und jeden Tag sterben sowohl Muttertiere als auch neu- und ungeborene Kälber. Trotz Interventionen des zuständigen Bundesministeriums und weiterer Behörden werden die LKW nicht weitergelassen. Nach vier Wochen ordnete das zuständige Veterinäramt des Landes Brandenburg, dem Herkunftsbundesland der Tiere, die Euthanasie aller Tiere an.
Was in der ZDF-Reportage „37°“ gezeigt wurde, ist beileibe kein Einzelfall. Tiertransporte sind ein lukratives Geschäft. Das belegen schon die Zahlen: Innerhalb der EU und in Drittländern werden jährlich laut Deutschem Tierschutzbund etwa 350 Millionen Säugetiere und eine Milliarde Geflügel gehandelt. Ein Großteil wird der Schlachtung zugeführt, andere sind für die Zucht, Milch- und Eierproduktion oder Mast vorgesehen.
Die dünne Rechtslage
Praktisch alle müssen dafür transportiert werden – mal mehr, mal weniger Kilometer. Die rechtlichen Grundlagen, die dafür gelten, sollen eigentlich dem Schutz der Tiere dienen. 2007 trat die „EU-Verordnung über den Schutz von Tieren beim Transport“ in allen EU-Mitgliedsstaaten in Kraft. Die darin enthaltenen schwammigen Formulierungen verhindern jedoch das Leid nicht. So ist es z. B. zulässig, Tiere bei bis zu 35 Grad im Lastwagen zu transportieren – was auch bedeutet, dass diese Lastwagen mitunter stundenlang in der prallen Sonne auf Parkplätzen stehen. Ausgewachsene Rinder müssen erst nach maximal 29 Stunden den LKW verlassen – bis dahin quetschen sie sich auf einer Fläche von anderthalb Quadratmetern pro Tier. Bei Schweinen ist die Pause bei ständigem Zugang zu Trinkwasser erst nach 24 Stunden vorgeschrieben, Hühner dürfen zwölf Stunden am Stück – in Boxen gestapelt sowie ohne Futter und Wasser – transportiert werden. Der Haken: Nach einer Pause darf der Transport genauso lange weitergehen und das beliebig oft.
Mit dem Schiff in Drittländer
Für Transporte auf Schiffen gibt es eine Sonderregelung. Diese Zeit gilt – im Gegensatz zu der Zeit auf den LKW – nicht als offizielle Transportzeit. De facto werden jedoch vor allem Rinder und Schafe oft wochenlang transportiert – zunächst auf Lastwagen, dann auf Schiffen, aus der EU in so genannte Drittstaaten. Die Schiffe sind häufig ausrangierte und stümperhaft umgebaute Lastenschiffe. Sie sind nicht für Lebewesen ausgerichtet, bieten kaum Platz und haben eine völlig unzureichende Belüftung. Viele Tiere sterben allein durch die Zustände an Bord und werden danach einfach illegal ins Wasser geworfen.
Gleichzeitig sind Verstöße gegen die Transportverordnung an der Tagesordnung – nicht zuletzt, weil die Vorschriften in Drittländern deutlich laxer sind und Kontrollen praktisch nicht stattfinden. Immer wieder werden Lastwagen und Schiffe restlos überladen; Pausen, Futter und Wasser gibt es mehr schlecht als recht, Misshandlungen werden regelmäßig beobachtet. Und sobald ein Tiertransport die EU verlässt, haben deren Behörden ohnehin keinerlei Befugnisse mehr.
Was fordern Tierschützer?
Der Deutsche Tierschutzbund und seine europäische Dachorganisation, die Eurogroup for Animals, kämpfen seit fast 20 Jahren dafür, dass die gesetzlichen Vorschriften die Tiere beim Transport wirklich schützen. Sie fordern eine komplette Überarbeitung der veralteten Transportverordnung - vor allem hinsichtlich der Transportzeiten, des zur Verfügung stehenden Platzes für jedes Tier sowie der erlaubten Maximaltemperaturen. Das Verbot von Tiertransporten in Drittstaaten sowie ein generelles Verbot von Kälbertransporten sind seit langem überfällig. Derzeit arbeitet das Europäische Parlament an Verbesserungen – jedoch mit teils deutlichem Gegenwind aus der Landwirtschaft und der Fleischindustrie. Anstelle der Verbesserung kommt es nach jetzigem Stand eher zu einer wesentlichen Verschlechterung für die Tiere.